NEUBEGINN UND WEITERLEBEN            

 

Liebe Freidenkerinnen und Freidenker,


wie Sie wissen/Ihr wisst, hat der frühere Freidenkerbund im Juni 2018 beschlossen, sich fortan als „Humanistischer Verband Österreich“ (HVÖ) zu bezeichnen. Der neu gegründete Verband steht der FreidenkerInnen-Bewegung leider kritisch gegenüber und vertritt in wesentlichen weltanschaulichen Fragen auch andere Standpunkte. 


Wir haben, nicht zu letzt aus Achtung vor der langen, über 130jährigen Geschichte unserer Bewegung, den Freidenkerbund neu gegründet und wollen in dieser Tradition die Arbeit, die unsere Vorfahren begonnen haben, weiterführen und mit Euch gemeinsam weiter entwickeln. Als Logo verwenden wir weiterhin das Stiefmütterchen, das traditionelle Symbol des Freidenkertums. Im Französischen heißt diese Blume „Pensée“, was auch „(gute) Gedanken“ bedeutet. 


Was nun? Zunächst – kurz gefasst – die drei Schwerpunkte, die von Anfang an im Mittelpunkt des Engagements der österreichischen Freidenker standen und heute nach wie vor Gültigkeit haben. 


(1) 

An der Wiege auch der österreichischen Freidenker stand die Aufklärung. Sie hat, wie ein Blick auf die weltweite gesellschaftliche Entwicklung zeigt, nicht nur nichts an Bedeutung verloren - die Ideen, Prinzipien und Leitbilder der Aufklärung als Symbole für Freiheit und Demokratie sind heute wichtiger sind als je zuvor. 


(2) 

Im Mittelpunkt der Aufklärung standen Wissen und Bildung. Beides ist auch den österreichischen Frei-denkern und Freidenkerinnen ein wichtiges Anliegen und steht daher im Mittelpunkt ihres Engagements. Das kam schon am Beginn unserer Bewegung in den regelmäßigen Veranstaltungen zum Ausdruck, bis zum Verbot der Freidenker im Jahr 1933. Nach 1945 gab es zwar immer wieder erfolgreiche Jahre, doch häufig scheiterten die Freidenker schließlich an den österreichischen gesellschaftlichen Gegebenheiten und nicht zuletzt am Versuch, sich bis zur Beliebigkeit zu arrangieren.


Und die letzte Flucht in einen noch beliebigeren Humanismus mutet wie ein Treppenwitz der Geschichte an, denn bei allem Facetten-Reichtum des Humanismus war die Aufklärung eine positive Weiterentwicklung der humanistischen Weltsicht und seines Bildungsideals, weil Naturwissenschaften eine immer größere Rolle spielten. Warum also zurück statt nach vorne?  


Der große Erfolg der aufklärerischen Enzyklopädisten in den folgenden Jahrhunderten mit ihrer Bandbreite an Wissen und Bildung – heute nicht zuletzt vertreten durch Wikipedia als moderne „Enzyklopädie“ – beweisen das anhaltende Bedürfnis und Interesse an inhaltlichen Bandbreite, die weit über die heute besonders propagierte „Ausbildung“ hinausgeht.  


(3) 

Entgegen einem weit verbreiteten Vorurteil waren die Aufklärer nicht gegen die Religion an sich, sondern für Religions k r i t i k  als wichtiger Bestandteil von Kritik an jeder Art von Ideologe (Ideologiekritik). Sie traten vielmehr für eine Trennung von Staat und Kirche ein (Laizität), wie sie in Frankreich seit 1905 bis heute in der Verfassung verankert ist. Seither haben viele, auch nicht-europäische Länder, diese Position in unterschied-lichen Ausformungen übernommen. 


Laizität bedeutet, dass Religion ausschließlich Privatsache ist. Religionsfreiheit wird im Rahmen einer demokratischen staatlichen Verfassung gelebt, daher aber ohne Konkordate oder Gesetze, die Religionen in öffentlichen Bereichen der Gesellschaft staatliche Privilegien einräumen (z. B. durch staatlich finanzierten Religionsunterricht und religiöse Symbole an öffentlichen Schulen). Religionsfreiheit bedeutet, dass jede Religionsgemeinschaft ein privater Verein ist, der sich über Mitgliedsbeiträge und Spenden selbst finanzieren muss. Hätte Österreich die Laizität in der Verfassung verankert, wäre der Islam als Religion mit allen seinen Symbolen in öffentlichen Institutionen nie zur Diskussion gestanden. 


Für diese Trennung von Kirche und Staat haben sich auch die österreichischen Freidenker von Anfang an eingesetzt. Dass sie im katholischen Habsburgerreich und auch in der Ersten Republik scheitern mussten, war unter den damaligen politischen Gegebenheiten verständlich. Dass sie auch nach 1945 gescheitert sind, lag in erster Linie an der österreichischen Gesellschaft, wo es auch zur Wiedereinführung eines Konkordates kam, aber auch daran, dass sich Freidenker erneut lieber arrangieren wollten, anstatt ihre Positionen konsequent und sachlich zu vertreten.  


Große gesellschaftliche Veränderungen brauchen Zeit, oft über mehrere Generationen. Auch spätere Nobelpreisträger mussten/wollten zuerst gehen und sprechen lernen. 


Wer uns auf unserem langen Weg weiter begleiten möchte, weil er/sie dabei auch an seine Enkel und Urenkel denkt, ist herzlich eingeladen, sich uns als Mitglied anzuschließen. 

 



Thomas Gremel, Vorsitzender,

Georg Barta, Schriftführer, 

Florian Mader, Kassier